Noch steht das Raumschiff
Das Abgeordnetenhaus entscheidet über die Zukunft des ICC

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Vor ein paar Jahren brachten die „Berliner
Seiten"der FAZ eine launige Artikelserie zum Thema „Abriß
West", in der die Redaktion Gebäude vorstellte, die das Stadtbild
Berlins angeblich nachhaltig beeinträchtigten. Nach dem
Abriß Ost, so die Begründung, müßten auch andere
Bausünden beseitigt werden, allein um der Gerechtigkeit willen.
Was seinerzeit eher scherzhaft gemeint war, scheint nun ernst zu
werden, denn gewisse Kreise denken darüber nach, das ICC am
Funkturm niederzulegen. Silbrig-schimmernd liegt das „Raumschiff"
zwischen den Autobahntrassen und -zubringern da, als könne nichts
auf dieser Welt ihm etwas anhaben. Doch wie lange noch?
Recht bald, als Wirtschaftssenator Wolf
(Linkspartei.PDS) 2002 ins Amt gekommen war, sandte er Signale aus,
daß er sich den „Abriß des ICC vorstellen"
könne. Wolf suchte sich einen Experten, und 2005 legte der
Architekt Meinhard von Gerkan ein Gutachten vor, in dem er genau das
empfahl, über das Wolf schon phantasiert hatte: das Gebäude
aus Kostengründen abzureißen und einen Neubau an die Stelle
der Deutschlandhalle zu setzen. Zugegeben: Mit dem Vorschlag konnte
sich einer der beiden Geschäftsführer der Messe-Gesellschaft,
Raimund Hosch, zuerst nicht anfreunden, weil er die Ansicht vertrat,
ein Abriß des ICC sei teurer als die Sanierung. Aber die
Marschrichtung, in die der Senator steuerte, war vorgegeben.
Allerdings wollten die Kritiker nie ganz verstummen. Die
Baukammer Berlin monierte Anfang 2006, daß „keine
seriösen und objektiv nachweisbaren bautechnischen oder
betriebswirtschaftlichen Gründe gegeben sind, die einen
Abriß des ICC begründen." Und die wirtschaftspolitische
Sprecherin der Grünen-Fraktion, Lisa Paus, forderte kürzlich
knapp: „Die Sanierung des ICC ist einem Neubau vorzuziehen."
Gestärkt können sich beide durch ein Gutachten fühlen,
das der Leiter des Instituts für Zukunftsstudien und
Technologiebewertung, Rolf Kreibich, den Abgeordneten im Februar
zuleitete. Kreibich hält das ICC durchaus für
sanierungsbedürftig wie alle großen Gebäude
dieses Alters. Doch die baulichen Mängel lie-ßen sich
„mit einem minimalen Kostenaufwand energetisch und hinsichtlich
der Nutzungsstruktur" verbessern.
Ist der Abriß und Neubau nun billiger als eine
Sanierung? Die Frage ist schwer zu beurteilen, denn die
„Machbarkeitsstudie" von Gerkans hat einen kleinen
Schönheitsfehler: Sie wird vom Senat geheimgehalten. Lediglich die
Abgeordneten dürfen im Datenraum des Parlaments Einblick nehmen.
Was sie dort zu lesen bekommen, scheint aber nicht besonders
überzeugend zu sein. So hat der wirtschaftspolitische Sprecher der
SPD-Fraktion, Frank Jahnke, den Eindruck gewonnen, daß die Kosten
eines Abrisses durch von Gerkan „naiv gerechnet" und seine
Annahmen dem Gegenstand nicht angemessen seien. Insgesamt würden
„Äpfel mit Birnen" verglichen. Es sei unfair gegen das ICC
gerechnet worden.
Die Zahlen sprechen indes für das ICC, das im
internationalen Kongreßgeschäft überaus erfolgreich
agiert. Mit einigem Stolz verweist die Messegesellschaft darauf,
daß 2006 insgesamt 796 Tagungen und Shows durchgeführt
worden seien (2005: 704), zu denen 266000 Besucher gezählt worden
seien, von denen 41 Prozent von auswärts angereist seien. Damit
hätten täglich durchschnittlich mehr als zwei Veranstaltungen
mit über 700 Teilnehmern pro Tag im Jahr 2006 stattgefunden. Und
die Ausgaben der auswärtigen Kongreßteilnehmer hätten
der Stadt einen zusätzlichen Kaufkraftzufluß von über
91 Millionen Euro gebracht. Man sieht: Das ICC ist beliebt, auch 2007
werden wieder Großkongresse stattfinden, angeblich ist es auf
Jahre hinaus ausgebucht. Erst 2005 erhielt es wieder einen Preis als
„bestes Kongreßzentrum der Welt".
Derartige Erfolgsmeldungen fechten die
Abbruch-Unternehmer vom Schlage von Gerkans nicht an. Er ist
erklärtermaßen kein Freund des ICC und findet, daß es
„an der falschen Stelle mit dem falschen Ausdruck" stehe und
„alles andere als ein Konferenzzentrum" sei. Damit aber befindet
er sich, Kreibich zufolge, in einem „unaufhebbaren
Interessenkonflikt". Schließlich habe von Gerkan bereits
Pläne für einen Neubau auf dem Gelände der
Deutschland-halle vorgelegt.
Betriebswirtschaftliche Rechnungen anzustellen wie die
Abriß-Befürworter, halten die Kritiker für verfehlt.
Man müsse die Angelegenheit aus volkswirtschaftlicher Sicht
beurteilen. So weist der SPD-Linke Hans Georg Lorenz darauf hin,
daß allein der Umstand, daß die Messe Zuschüsse
erhält, wenig über ihre Bedeutung und Leistungsfähigkeit
und ihren Nutzen für den Eigentümer, hier: das Land Berlin,
aussagt. Die Interessen der Messegesellschaft und der Stadt sind
zunächst nicht immer kongruent: An internationalen Messen und
Kongressen verdient die Messe nichts, weil sie lediglich die
Infrastruktur zur Verfügung stellt. Gewinnträchtig sind
dagegen vor allem lokale Messen, die von der Gesellschaft selbst
organisiert werden und sich durch Standgebühren und Eintritte
rechnen. Die Stadt hingegen verdient vor allem an den internationalen
Großereignissen, bei denen jeder Teilnehmer viele Hundert Euro an
das Hotel-, Gaststätten- und Taxigewerbe zahlt. Die Regionalmessen
dagegen bringen der örtlichen Wirtschaft wenig.
Ein weiterer Punkt, der moniert wird, der aber nicht zur
Diskussion zu stehen scheint, ist die Leistung des Messe-Managements:
Kreibich ätzt in seiner Stellungnahme, daß die
Messegesellschaft etwas Besseres verdient hätte als Hosch und
seinen Co-Geschäftsführer Christian Göke: Wenn man
„ein wesentlich qualifizierteres Management" als das
gegenwärtige einsetzen würde, müsse es doch möglich
sein, das ICC „in die schwarzen Zahlen" zu führen.
Ein ICC, das gut in Schuß und
wettbewerbsfähig ist, aber abgerissen werden soll; ein Gutachter,
der gerne einen Neubau realisieren möchte; ein Gutachten, das
geheim bleibt die Frage, ob tatsächlich gute Gründe
für den Abriß des ICC sprechen, erscheint unter diesen
Umständen eher nebensächlich. Vielmehr drängt sich der
Eindruck auf, daß es sich, wenn es nach dem Senat und der
Messegesellschaft ginge, um eine ausschließlich politische
Entscheidung handeln würde. Aber dann stellt sich die Frage, wer
vom Abriß (oder Stillegung) profitiert und wer verliert, um so
schärfer. Der Verdacht ist nicht weit hergeholt, daß Berlin
mal wieder als Verlierer dastehen könnte. Das Abgeordnetenhaus
will noch vor der Sommerpause sein Votum abgeben.
Benno Kirsch