Ausgabe 11 - 2002 berliner stadtzeitung
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Leserbrief

Zum Artikel "Neuanfang in der Zinnowitzer Straße" in der Ausgabe von 10/02 Seite 10

Neue Besen kehren gut, heißt es. Manche, so scheint es, kehren nicht nur gut, sondern auch besonders heftig. So hat die neue Leitung des Theaters Fürst Oblomov beim Kehraus gleich reihenweise Porzellan zerschlagen.

Gegenüber der Presse wird bekundet, der bisherige Theaterleiter Jürgen Bonk habe das Oblomov künstlerisch und ökonomisch heruntergewirtschaftet und damit den bisherigen Namen der Spielstätte diskreditiert. Kaum hat er dem Haus den Rücken gekehrt, wird aus vollen Rohren geschossen.

Immerhin hat Bonk das Oblomov nicht nur gegründet und geprägt, es ist vor allem ihm zu verdanken, daß es über mehr als zehn Jahre am Laufen gehalten werden konnte, und das trotz mehrerer erzwungener Umzüge. Jürgen Bonk hat dem Theater viel Lebenszeit, Kraft, Schweiß und Nerven geopfert und dabei sicher auch Fehler begangen. Viele seiner Inszenierungen, genannt sei Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray, haben sich als echte Dauerbrenner erwiesen, die auch Geld in die Kassen spielten. Manches wurde aus den verschiedensten Gründen zum Flop. Mit einem ständigen Auf und Ab müssen auch andere Theater leben.

Auch nicht vergessen werden dürfen die vielen Menschen, denen das Fürst Oblomov über das Jahrzehnt seiner Existenz hinweg Lohn und Brot verschaffte. Hier reicht die Spanne von ausgebildeten Schauspielern bis zu Berufslosen, von bildenden Künstlern bis zu Sozialhilfeempfängern, von Verwaltungsfachleuten bis zu Handwerkern.

Wäre es nicht angemessen gewesen, Bonk bei seinem Fortgang für die zehn Jahre Arbeit zu danken? Eine differenzierte, auch kritische Würdigung eines Werkes, das fast ein Lebenswerk ist, gehört zu den Spielregeln eines zivilisierten Umgangs, auch wenn man sich von diesem Werk abstoßen will.

Das Fürst Oblomov ist Geschichte. Wem zu ihm nichts anderes einfällt, als den Namen als diskreditiert zu bezeichnen, der beleidigt all jene, die an dieser Geschichte mitgeschrieben haben.

Nun hat in der Zinnowitzer Straße ein neues Theater eröffnet: das berliner theater (bt). Es beginnt, wen wundert’s, mit einer Preiserhöhung. Wie, fragt sich Klein Fritzchen, für ein heruntergewirtschaftetes Theater soll ich mehr Geld berappen? Als Vorschuß für die verhießene bessere Zukunft? Das kenn ich doch, denkt Klein Fritzchen. Hat man mir auf dem Höhepunkt des Aktienbooms nicht eingeredet, ich soll in die Zukunft investieren? Dann purzelten die Kurse, und die Zukunft fand nicht statt.

Jürgen Bonk

Zum Artikel "Neuanfang in der Zinnowitzer Straße" in Ausgabe von 10/02

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