Ausgabe 01 - 2000berliner stadtzeitung
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Stadtrand mit Statisten

Neue Texte aus Linz: Waltraud Seidlhofer

Die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz steht zu Recht im Ruf, ein Zentrum jener Literatur zu sein, die man gerne als experimentell und schwierig bezeichnet. Das ist ein Verdienst Heimrad Bäckers, der dort seit 1968 die Zeitschrift neue texte herausgab und in seiner Buchreihe edition neue texte so wesentliche Autoren wie Gerhard Rühm, Reinhard Priessnitz und Franz Josef Czernin verlegte. In Bäckers Fußstapfen ist vor einigen Jahren Christian Steinbacher mit seinem Verlag BLATTWERK getreten. Allein, die heroischen Zeiten der Nachkriegsavantgarde und der Konkreten Poesie sind vorbei, unklar ist, was "weiterführende avancierte Dichtung«, um die Steinbacher sich kümmern will, heute sein soll. Immerhin, in seinem Verlagsprogramm findet sich durchaus Bemerkenswertes. Die interessanteste BLATTWERK-Autorin ist die 1939 in Linz geborene Waltraud Seidlhofer, die schon Heimrad Bäcker gefördert hatte, in dessen edition neue texte auch ihre ersten Bücher erschienen sind.

"Alle Realität ist unbeschreibbar", heißt es bei Alain Robbe-Grillet, dem Begründer und Theoretiker des Nouveau Roman, von dem Waltraud Seidlhofer entscheidende Anregungen empfing. Sie hat aus der "unmoeglichkeit der beschreibung", von der sie selbst spricht, die Konsequenzen gezogen. Waltraud Seidlhofers Prosabuch text: ein erinnern ist eine große Untersuchung über die Bedingungen der Möglichkeit von Erinnerung, d. h.: über die sprachliche Form, in der dieses Erinnern sich abspielt, seinen Ausdruck sucht: "sehr eigenwillig dieser prozess des erinnerns, spaerlich oder die ueberfuelle, das angebot der details." Dieser Prozeß des Erinnerns, den Seidlhofer vorführt und reflektiert, ist geprägt von Abschweifungen, Umwegen, jähen Assoziationen und Brüchen. Immer wieder klaffen Lücken, behindern Leerstellen den Strom. "ergaebe sich aus dieser tatsache folgerichtig die unmoeglichkeit, seine biographie zu schreiben, sein eigenes leben nachzuzeichnen zu erzaehlen etc. muesste man also sehr frueh schon beginnen auf seine biographie hinzuarbeiten, zu einer zeit schon, in der an die eigene biographie noch in keinster weise gedacht wird." Es geht also nicht. Seidlhofer ist zurückgeworfen auf die Schauplätze, an denen Erinnerung, eine mögliche Biographie anzusiedeln wäre. Das Unternehmen ihrer Prosa ist die Rekonstruktion, das immer neue Entwerfen dieser "buehne des erinnerungsprozesses". Eine Prosa, die hier nicht stehenbleibt, sondern die sich hier eigentlich entfaltet - zunächst an der Peripherie. Waltraud Seidlhofer tastet sich in text: ein erinnern von den Rändern an Städte und Landschaften heran. Ein Wohnviertel am Stadtrand, Lagerplätze, der Hafen sind diese unspektakulären Szenerien. Wir stoßen am Stadtrand aber auch auf Friedhöfe, auf ein Irrenhaus. Menschen begegnen wir nur als Statisten auf ungesichertem Terrain, immer wieder laufen Kinder durchs Bild.

Je akribischer und détailversessener diese sprachliche Rekonstruktionsarbeit sich abspielt, desto ungreifbarer werden die Orte, abstrakt, "stadt I" und "stadt II". Kein Problem, einen Ort mit ein paar groben Strichen so zu skizzieren, daß jeder ihn zu erkennen meint; aber Waltraud Seidlhofer ist genauer. "und die unzaehligen anderen moeglichkeiten der ortssicht, die eine vorhandene realitaet brachen und zerrten, zum zittern brachten und wellen": Wenn die Eigendynamik der Erinnerung, ihre Verästelungen, Assoziationen ineinandergreifen, dann entsteht dieses Zittern und Flirren, dieser Fluß, ein atemberaubender Sog von Bildern, dem Seidlhofer sich aber nicht einfach überläßt, der kontrapunktiert wird von Reflexionen, von Erinnerungslücken: "der faden der erinnerung, staendig neu aufgenommen".
Florian Neuner

Waltraud Seidlhofer: text: ein erinnern. BLATTWERK, Linz 1999. DM 34

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